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  • Ausschnitt aus: Die revolutionären Ideen von Karl Marx

    Von Alex Callinicos Quelle: linke-buecher.de

    Fortsetzung von Kapitel 6
    Kapitalismus

    Akkumulation und Krise
    Eine der wesentlichen Eigenschaften des Kapitalismus, die ihn von anderen Produktionsweisen unterscheidet, ist die Akkumulation von Kapital. In Sklaven- oder feudalen Gesellschaften konsumiert der Ausbeuter die Masse des Mehrprodukts, das er den unmittelbaren Produzenten weggenommen hat. Die Produktion ist noch beherrscht vom Gebrauchswert: Ihr Ziel ist der unmittelbare Bedarf.
    Das ändert sich, sobald die kapitalistische Produktionsweise vorherrscht. Der Großteil des Mehrwerts, der aus den Arbeitern herausgepreßt wird, wird nicht konsumiert. Vielmehr wird er in weitere Produktion wieder investiert. Dieser Prozeß, durch den der Mehrwert unaufhörlich in die Produktion von noch größerem Mehrwert zurückgeführt wird, bezeichnet Marx als Akkumulation des Kapitals.
    In einem berühmten Abschnitt im ersten Band des Kapitals zeigt Marx, wie das der Entstehung einer Ideologie der „Abstinenz“ in der kapitalistischen Klasse Auftrieb gibt, in der die Bourgeoisie ermutigt wird, selbst ihren eigenen Konsum einzuschränken und so viel Mehrwert wie möglich anzusparen, damit er reinvestiert werden kann:

    „Akkumuliert, Akkumuliert! Das ist Moses und die Propheten! ‘Die Industrie liefert das Material, welches die Sparsamkeit akkumuliert.’ (A. Smith) Also spart, spart, d. h. rückverwandelt möglichst große Teile des Mehrwerts oder Mehrprodukts in Kapital!
    Akkumulation um der Akkumulation, Produktion um der Produktion willen, in dieser Formel sprach die klassische Ökonomie den historischen Beruf der Bourgeoisperiode aus.“ (MEW 23, S. 621)

    Aber, sagt Marx, das Motiv dafür ist nicht die Habgier (auch wenn der einzelne Kapitalist habgierig sein mag). Wir müssen nicht nach irgendeinem „natürlichen Hang zum Feilschen und Tauschen“ in der menschlichen Natur suchen. Das System selbst liefert den Beweggrund des Kapitalisten:

    „… soweit der Kapitalist personifiziertes Kapital ist, … sind auch nicht Gebrauchswert und Genuß, sondern Tauschwert und dessen Vermehrung sein treibendes Motiv. … Als solches teilt er mit dem Schatzbildner den absoluten Bereicherungstrieb. Was aber bei diesem als individuelle Manie erscheint, ist beim Kapitalisten Wirkung des gesellschaftlichen Mechanismus, worin er nur ein Triebrad ist.“ (MEW 23, S. 618)

    Dieser „gesellschaftliche Mechanismus“ ist die Konkurrenz zwischen den „vielen Kapitalien“. Wir haben gesehen, daß Marx der Auffassung war, „Wirkung der einzelnen Kapitalien aufeinander bewirkt eben, daß sie als Kapital sich verhalten müssen“. Das gilt insbesondere für die Akkumulation selbst. Ein Kapital, das den Mehrwert nicht reinvestiert, wird sich bald von seinen Rivalen überholt sehen, die in verbesserte Produktionsmethoden investiert haben, deshalb billiger produzieren können und damit die Preise der Güter des ersten Kapitals unterbieten können. Ein Kapital, das bei der Akkumulation versagt, wird bald in den Bankrott gedrängt sein.

    Der Akkumulationsprozeß ist keine reibungslose oder glatte Angelegenheit, gerade weil er mit der Konkurrenz zwischen den Kapitalien untrennbar verbunden ist. Marx legt dar, daß der Akkumulationsprozeß auch die Reproduktion der kapitalistischen Produktionsverhältnisse ist. Was er damit meint, ist, daß die Gesellschaft nicht fortbestehen kann, wenn die Produktion nicht beständig wieder hergestellt wird, und das ist davon abhängig, ob die Kapitalisten den Wert, den sie auf dem Markt realisiert haben, wieder in die Produktion zurückführen.
    Marx unterscheidet zwischen zwei Formen der Reproduktion. Die einfache Reproduktion findet statt, wenn die Produktion auf dem gleichen Niveau wie zuvor wieder hergestellt wird – und die Wirtschaft stagniert und nicht wächst. Die erweiterte Reproduktion bedeutet, daß das Mehrprodukt dazu benutzt wird, die Produktion zu steigern. Letzteres ist im Kapitalismus die Norm.
    Im zweiten Band des Kapitals analysiert Marx die Bedingungen, unter denen die einfache oder erweiterte Reproduktion stattfindet. Er zeigt, daß hier der Gebrauchswert eine sehr wichtige Rolle spielt. Denn damit die Reproduktion zustande kommt, reicht es nicht, daß Geld vorhanden ist, um Arbeitskraft und Werkzeuge zu kaufen. Es muß auch genug Konsumgüter geben, um die Arbeiter zu ernähren und genug Maschinerie, Rohstoffe usw., um sie arbeiten zu lassen.
    Marx teilt die Wirtschaft in zwei Hauptsektoren, die Abteilungen I und II. In Abteilung I der Wirtschaft werden die Produktionsmittel produziert: beispielsweise Fabriken, die Maschinen produzieren und Bergbau zur Gewinnung von Rohstoffen. In Abteilung II werden Konsumgüter produziert: Nahrungsmittel, Kleidung usw. Marx zeigt, daß in beiden Abteilungen Güter in einem bestimmten Verhältnis produziert werden müssen, damit sowohl die einfache wie auch die erweiterte Reproduktion zustande kommt.
    Doch ob sich dieses Verhältnis zwischen den verschiedenen Sektoren der Wirtschaft bewährt, ist weitgehend eine Sache des Zufalls. Die Kapitalisten produzieren nicht für den Eigenbedarf, sondern für den Markt. Es gibt überhaupt keinerlei Garantie, daß das, was produziert wird, auch konsumiert wird. Ob dies geschieht, ist davon abhängig, daß es eine effektive Nachfrage für die Ware gibt. Mit anderen Worten muß sie nicht nur irgend jemand kaufen wollen, sie müssen auch das Geld dafür haben. Diese Nachfrage besteht oft nicht. Das Ergebnis ist eine wirtschaftliche Krise.
    Nehmen wir ein Beispiel: die Kapitalisten in Abteilung I (Produktionsmittel) kürzen die Löhne ihrer Arbeiter, um die Mehrwertrate zu erhöhen. Diese Arbeiter werden dann weniger Produkte der Abteilung II (Konsumgüter) kaufen können. Die Kapitalisten der Abteilung II könnten auf diesen Rückgang der Nachfrage auf ihren Märkten mit einer Reduzierung ihrer Aufträge für neue Anlagen und Ausrüstungen reagieren. Die Kapitalisten der Abteilung, die jetzt vom Rückgang der Nachfrage für ihre Produkte betroffen werden, könnten Arbeiter entlassen, was die Kapitalisten in der Abteilung II dazu bringt, das Gleiche zu tun … und so weiter. Dieser Prozeß, der von den bürgerlichen Ökonomen erst wirklich verstanden wurde mit dem Erscheinen des Buchs Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes von J. M. Keynes im Jahre 1936, wurde von Marx im zweiten Band des Kapital schon 70 Jahre früher analysiert.
    Die Möglichkeit ökonomischer Krisen liegt im Wesen der Ware selbst. Rufen wir uns in Erinnerung, daß die einfache Warenzirkulation die Form W-G-W annimmt. Eine Ware wird verkauft und das Geld wird benutzt, um eine andere Ware zu kaufen. Aber es gibt keinen zwingenden Grund, warum einem Verkauf notwendigerweise ein anderer Kauf folgt. Wenn der Verkäufer seine Ware verkauft hat, könnte er sich entschließen, das
    Geld, das er erhalten hat, zu horten. Es gibt oft Bedingungen, unter denen die Kapitalisten sich entscheiden, genau das zu tun, weil die Profitrate zu niedrig ist, als daß es sich für sie lohnt, zu investieren.
    Daher ist die Ursache der Krise letztlich der ungeplante Charakter der kapitalistischen Produktion, da „das Gleichgewicht – bei der naturwüchsigen Gestaltung dieser Produktion – selbst ein Zufall ist.“ (MEW 24, S. 491) Das jedoch zeigt nur, daß Krisen möglich sind. Um zu verstehen, warum sie wirklich stattfinden, müssen wir tiefer in das Wesen des Akkumulationsprozesses eindringen.
    Marxens Erklärung der wirtschaftlichen Krisen gründet auf einem Umstand, den er das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate nennt, das „… in jeder Beziehung das wichtigste Gesetz der modernen politischen Ökonomie und das wesentlichste, um die schwierigen Verhältnisse zu verstehen“ (Grundrisse, S. 634), ist.
    Die Profitrate hat im Kapitalismus eine allgemeine Tendenz zu fallen, sagt Marx. Nicht nur in besonderen Bereichen der Wirtschaft, nicht nur in bestimmten Perioden, sondern allgemein, und er sagt, daß der Grund das ständige Ansteigen der Arbeitsproduktivität ist. Um seine Worte zu gebrauchen: „Die progressive Tendenz der allgemeinen Profitrate zum Sinken ist also nur ein der kapitalistischen Produktionsweise eigentümlicher Ausdruck für die fortschreitende Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit.“ (MEW 25, S. 223)
    Je höher die Arbeitsproduktivität, desto mehr Maschinerie und Rohstoffe setzt ein einzelner Arbeiter in Bewegung. Anders gesagt, die Menge des in eine Betriebsstätte, Ausrüstung und Rohstoffe investierten konstanten Kapitals wächst relativ zu dem variablen Kapital, das zur Bezahlung der Arbeiterlöhne gebraucht wird. In Wertbegriffenheißt das, daß die organische Zusammensetzung des Kapitals höher ist. Und wie wir schon gesehen haben: je höher die organische Zusammensetzung des Kapitals, desto niedriger ist die Profitrate, weil die Arbeitskraft die Quelle des Mehrwerts ist. Deshalb fällt die Profitrate, wenn die Produktivität ansteigt.

    Doch wenn das so ist, warum sollte dann irgendein Kapitalist jemals investieren, um eine höhere Produktivität zu erreichen? Die Antwort ist, daß er kurzfristig davon einen Vorteil hat und langfristig durch die Konkurrenz dazu gezwungen wird.
    Erinnern wir uns, daß der einzelne Wert einer Ware, die tatsächlich in ihr verkörperte Arbeit, vom gesellschaftlichen oder Marktwert sich unterscheiden kann, der durch die durchschnittlichen Produktionsbedingungen in dieser Industrie bestimmt ist. Nehmen wir den Fall eines Einzelkapitalisten, der diese durchschnittlichen Produktionsbedingungen benutzt. Nehmen wir an, er führt eine neue Technik ein, die die Produktivität seiner Arbeiter über den Durchschnitt erhöht. Der individuelle Wert seiner Waren wird unter ihren gesellschaftlichen Wert fallen, weil sie wirkungsvoller als normalerweise in diesem Sektor produziert wurden. Der Kapitalist kann nun seine Preise auf einem Niveau festlegen, das einerseits niedriger ist als der gesellschaftliche Wert, und kann damit seine Konkurrenten unterbieten; andererseits kann der Preis für seine Waren noch höher sein als ihr individueller Wert, und er kann so einen Extraprofit realisieren.
    Doch diese Situation wird nicht ewig andauern. Andere Kapitalisten werden die neueTechnik einführen, um sich selbst dagegen zu schützen, unterboten und aus dem Geschäft gedrängt zu werden. Wenn aber die Innovation die Norm in der Industrie wird, wird der gesellschaftliche Wert fallen und sich dem individuellen Wert der Ware des innovativen Kapitalisten anpassen und dessen Vorteil beseitigen.
    Durch den Druck der Konkurrenz werden die Kapitalien deshalb gezwungen, neue Techniken zu übernehmen und die Arbeitsproduktivität zu erhöhen. „Dasselbe Gesetz der Wertbestimmung durch die Arbeitszeit“ wirkt so „als Zwangsgesetz der Konkurrenz“, schreibt Marx. (MEW 23, S. 337) Den einzelnen Kapitalisten interessiert „die Wertbestimmung als solche … nur, soweit sie die Produktionskosten der Ware für ihn selbst erhöht oder erniedrigt, also nur soweit sie ihn in eine Ausnahmeposition setzt.“ (MEW 25, S. 880) Jeder Kapitalist ist daran interessiert, die  Arbeitsproduktivität zu steigern, um seine Konkurrenten zu übertreffen. Die Folge ist, daß alle die „vielen Kapitalien“ gezwungen sind, sich dem Wertgesetz anzupassen und ständig die Arbeitsproduktivität zu erhöhen.
    Allerdings ist das Ergebnis aller dieser eigennützigen Handlungen der Kapitalisten, die die Menge des Mehrwerts, den sie sich von ihren Arbeitern und ihren Konkurrenten aneignen, steigern wollen, die Senkung der allgemeinen Profitrate:

    „Kein Kapitalist wendet eine neue Produktionsweise, sie mag noch soviel produktiver sein  oder um noch soviel die Rate des Mehrwerts vermehren, freiwillig an, sobald sie dieProfitrate vermindert. Aber jede solche neue Produktionsweise verwohlfeilert die Waren. Er verkauft sie daher ursprünglich über ihrem Produktionspreis, vielleicht über ihrem Wert. Er steckt die Differenz ein, die zwischen ihren Produktionskosten und dem Marktpreis der übrigen, zu höheren Produktionskosten produzierten Waren besteht. Er kann dies, weil …
    seine Produktionsprozedur … über dem Durchschnitt der gesellschaftlichen (steht). Aber die Konkurrenz verallgemeinert sie und unterwirft sie dem allgemeinen Gesetz. Dann tritt das Sinken der Profitrate ein – vielleicht zuerst in dieser Produktionssphäre, und gleicht sich nachher mit den andren aus –, das also ganz und gar unabhängig ist vom Willen der Kapitalisten.“ (MEW 25, S. 275)

    Diese Tendenz zum Fall der Profitrate spiegelt die Tatsache, daß „über einen gewissen Punkt hinaus … die Entwicklung der Produktivkräfte eine Schranke für das Kapital [wird]; also das Kapitalverhältnis eine Schranke für die Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit.“ (Grundrisse, S. 635) Die größere Arbeitsproduktivität, die die wachsende Macht der Menschheit über die Natur spiegelt, nimmt innerhalb der kapitalistischen Produktionsverhältnisse die Form einer wachsenden organischen Zusammensetzung des Kapitals an und damit einer fallenden Profitrate. Das ist der Prozeß, der den ökonomischen Krisen zugrunde liegt. „In schneidenden Widersprüchen, Krisen, Krämpfen drückt sich die wachsende Unangemessenheit der produktiven Entwicklung der Gesellschaft zu ihren bisherigen Produktionsverhältnissen aus.“ (Grundrisse, S. 635)
    Die fallende Profitrate ist aber nur der Ausgangspunkt der Marxschen Analyse der kapitalistischen Krisen. Er betont, daß „gegenwirkende Einflüsse im Spiel sein [müssen], welche die Wirkung des allgemeinen Gesetzes durchkreuzen und aufheben und ihm nur den Charakter einer Tendenz geben“, „ein Gesetz, dessen absolute Durchführung durch gegenwirkende Umstände aufgehalten, verlangsamt, abgeschwächt wird.“ (MEW 25, S. 242 und 244) Tatsächlich „bringt hier wieder dieselbe Ursache, die die fallende Tendenz der Profitrate erzeugt, ein Gegengewicht gegen diese Tendenz hervor, das ihre Wirkung mehr oder minder paralysiert.“ (MEW 25, S. 247)
    Ein Beispiel: die wachsende organische Zusammensetzung des Kapitals bedeutet, daß eine kleinere Zahl von Arbeitern eine gegebene Menge von Waren produzieren kann. Der Kapitalist könnte die überflüssigen Arbeiter entlassen – das kann ja sein erstes Ziel bei der Einführung der neuen Technik gewesen sein. Das Ergebnis ist, daß die Akkumulation von Kapital die ständige Entfernung von Arbeitern aus der Produktion notwendig macht. Es entsteht, wie Marx es nennt, eine „relative Überbevölkerung”. Dabei ist es keineswegs so, wie Malthus und seine Nachfolger behaupten, daß es mehr Menschen als Nahrungsmittel gibt, um diese zu ernähren. Vielmehr gibt es mehr Menschen als der Kapitalismus braucht, und so sieht sich der überschüssige Bevölkerungsanteil der Löhne beraubt, ohne die ein Arbeiter nicht existieren kann.
    Die kapitalistische Wirtschaft erzeugt folglich eine „industrielle Reservearmee“ von arbeitslosen Arbeitern, die eine entscheidende Rolle im Akkumulationsprozeß spielt. Nicht nur, daß die Arbeitslosen einen Pool von Arbeitern liefern, die in neue Produktionszweige geworfen werden können. Sie helfen auch zu verhindern, daß die Löhne zu hoch ansteigen.
    Die Arbeitskraft hat wie jede Ware einen Wert – die Arbeitszeit, die für ihre Produktion benötigt wird, und einen Preis – die Geldmenge, die für sie gezahlt wird. Der Preis der Arbeitskraft ist der Lohn, und wie alle Marktpreise schwanken die Löhne in Reaktion auf Anstieg und Rückgang bei Angebot und Nachfrage der Arbeitskraft. Das Vorhandensein einer industriellen Reservearmee hält das Angebot an Arbeitskraft groß genug, um zu verhindern, daß der Preis der Arbeitskraft über ihren Wert steigt. So schreibt Marx: „Im großen und ganzen sind die allgemeinen Bewegungen des
    Arbeitslohns ausschließlich reguliert durch Expansion und Kontraktion der industriellen Reservearmee.“ (MEW 23, S. 666)
    Das bedeutet nicht, daß Marx an das „eherne Lohngesetz“ glaubte, demzufolge die Löhne nicht über das rein physische Existenzminimum steigen können würden. Wie er in der Kritik des Gothaer Programms betonte, gründet dieses sogenannte „Gesetz“ auf der Malthusschen Bevölkerungstheorie und ist deshalb völlig verkehrt. Der Kapitalismus hat, wie wir gesehen haben, eine ständige Steigerung der Arbeitsproduktivität zur Folge. Das führt mit Notwendigkeit zu einer ständigen Senkung des Werts der Waren, einschließlich der Arbeitskraft. Die sinkenden Werte der Konsumgüter bedeuten, daß die Kaufkraft der Löhne der Arbeiter gleich bleiben oder sogar steigen kann, während der
    Wert der Arbeitskraft gefallen ist. Daher kann der Lebensstandard der Arbeiter sehr wohl absolut steigen. Zugleich verschlechtert sich ihre Position jedoch relativ, weil die Rate des Mehrwerts gestiegen und deshalb ihr Anteil am gesamten Wert, den sie geschaffen haben, gefallen ist.
    Das Vorhandensein einer industriellen Reservearmee stärkt die Position des Kapitalisten und erleichtert es ihm, die Mehrwertrate zu erhöhen. Wenn die gesamte Menge des Kapitals gleich bleibt, dann wird die Profitrate steigen. Deshalb hat eine größere Ausbeutungsintensität einen der fallenden Profitrate entgegenwirkenden Effekt. Eine Erhöhung der Ausbeutungsrate ist jedoch eine zweischneidige Sache. Wenn sie erreicht wird durch eine Erhöhung der Arbeitsproduktivität, dann wird die organische Zusammensetzung des Kapitals steigen, und deshalb wird in diesem Fall die höhere Mehrwertrate eine niedrigere Profitrate bedeuten. Marx nahm an, daß eine solche Situation für den tendenziellen Fall der Profitrate typisch ist. Er lehnte jeden Versuch ab, die ökonomische Krise mit der Erringung höherer Lohnsteigerungen durch die Arbeiter zu erklären:

    „Das tendenzielle Sinken der Profitrate ist verbunden mit einem tendenziellen Steigen in der Rate des Mehrwerts … Nichts alberner daher, als das Sinken der Profitrate aus einem Steigen in der Rate des Arbeitslohns zu erklären, obgleich auch dies ausnahmsweise der
    Fall sein mag … Die Profitrate fällt nicht, weil die Arbeit unproduktiver, sondern weil sie produktiver wird. Beides, Steigen der Rate des Mehrwerts und Fallen der Rate des Profits, sind nur besondre Formen, worin sich wachsende Produktivität der Arbeit kapitalistisch ausdrückt.“ (MEW 25, S. 250)

    Marx legt dar, daß das Gleiche auch für einen zweiten entgegenwirkenden Einfluß gilt, die Verbilligung der Elemente des konstanten Kapitals. Steigende Produktivität in Abteilung I, der Produktion von Produktionsmitteln, heißt, daß der Wert der Betriebsstätte, der Maschinerie usw., die das konstante Kapital ausmachen, fällt:

    „Mit dem Wachsen der Proportion des konstanten Kapitals zum variablen wächst auch die Produktivität der Arbeit, die produzierten Produktivkräfte, mit denen die gesellschaftliche Arbeit wirtschaftet. Infolge derselben zunehmenden Produktivität der Arbeit wird zwar ein Teil des vorhandnen konstanten Kapitals beständig entwertet, indem sein Wert sich nicht nach der Arbeitszeit richtet, die es ursprünglich gekostet hat, sondern nach der Arbeitszeit, mit der es reproduziert werden kann, und diese beständig abnimmt mit der zunehmenden Produktivität der Arbeit.“ (MEW 26.2, S. 417)

    Viele Kritiker von Marx (einige davon Marxisten) haben argumentiert, daß die Tatsache, daß die steigende Arbeitsproduktivität die Elemente des konstanten Kapitals verbilligt, bedeutet, daß die organische Zusammensetzung des Kapitals nicht steigt und deshalb die Profitrate nicht fällt. Sie behaupten, daß selbst dann, wenn die technische Zusammensetzung des Kapitals, in anderen Worten das physische Verhältnis zwischen Produktionsmitteln und Arbeitskraft, enorm anwächst, die Proportion in Wertbegriffen die gleiche bleibe, weil die Kosten zur Produktion der Produktionsmittel gefallen sind. Was sie übersehen, ist, daß für den Kapitalisten von Bedeutung ist, welchen Ertrag er aus seiner ursprünglichen Investition zieht. Sie besteht aus dem Geld, das er für die Anlage, die Ausrüstung usw. vorgeschossen hat, um diese Produktionsmittel zu ihrem
    ursprünglichen Wert zu kaufen, nicht aus der Arbeitszeit, die es jetzt kosten würde, sie zu ersetzen. Er muß in Bezug auf diese Investition einen angemessenen Profit ziehen, und nicht in Bezug auf das, was es ihn jetzt kosten mag, ihn zu machen. Doch schauen wir uns nun die Krisen selbst an.
    Es geschieht tatsächlich hauptsächlich durch die Krisen, daß der Wert des konstanten Kapitals in Übereinstimmung gebracht wird mit „der Arbeitszeit, mit der es reproduziert werden kann“, und nicht mit „der Arbeitszeit, die es ursprünglich gekostet hat“. Wirtschaftliche Krisen können durch eine Reihe von Faktoren ausgelöst werden. Zum Beispiel kann eine Krise durch das plötzliches Steigen der Preise bei irgendeinem
    wichtigen Rohstoff ausgelöst werden – wie durch die Vervierfachung der Ölpreise 1973/74. Oft beginnen Krisen durch irgendeine Störung im Finanzsystem – z. B. durch den Bankrott einer großen Bank oder einen Börsenkrach. Ein großer Teil des dritten Bands des Kapital ist der Erklärung gewidmet, wie die Entwicklung des Kreditsystems, das zum Ergebnis hat, daß immer mehr Geld von den Banken selbst geschaffen wird, eine lebenswichtige Rolle sowohl bei der Verhinderung wie auch bei der Entstehung von Krisen spielt. Doch die zugrunde liegende Ursache der Krise ist immer der tendenzielle Fall der Profitrate und die entgegenwirkenden Einflüsse, die er mit sich bringt.
    Wir haben gesehen, daß es in der Natur der Ware liegt, daß W-G nicht notwendigerweise zu G-W führt. Das Geld, das beim Verkauf einer Ware erzielt wird, kann gehortet werden, anstatt dazu benutzt zu werden, eine andere Ware zu kaufen. Das findet in massivem Maß während einer wirtschaftlichen Krise statt. Eine riesige Zahl von Waren bleibt unverkäuflich.
    Das unterscheidet den Kapitalismus wesentlich von früheren Produktionsweisen. In Sklaven- und Feudalgesellschaften waren die Krisen solche der Unterproduktion, der Knappheit, in denen es nicht genug gab, um alle zu ernähren. Kapitalistische Krisen dagegen sind solche der Überproduktion. Das bedeutet nicht, wie Marx betont, „daß die Masse der Produkte überflüssig wäre im Verhältnis zu den Bedürfnissen nach ihnen – [davon kann] absolut nicht die Rede sein. … Die Schranke der Produktion ist der Profit der Kapitalisten, keineswegs das Bedürfnis der Produzenten.“ (MEW 26.2, S. 528) Um für den Kapitalisten einen angemessen Profit zu realisieren, wurden zu viele Waren produziert. Wenn wir ein Beispiel haben wollen, müssen wir nicht weiter blicken als zu den Butterbergen und Weinseen, die geschaffen wurden, um den Preis landwirtschaftlicher Güter hoch zu halten, während mehr als 700 Millionen Menschen in der Dritten Welt hungern.
    Krisen sind Ausdruck der inneren Widersprüche der Kapitalakkumulation und sind zugleich „immer nur momentane gewaltsame Lösungen der vorhandenen Widersprüche.“ (MEW 25, S. 259) Die „momentane gewaltsame Lösung“ findet statt durch die Entwertung des Kapitals, wie Marx es ausdrückte. Der Zusammenbruch der Märkte für ihre Güter zwingt viele Kapitalien aus dem Geschäft. Eine große Masse Kapital wird so vernichtet.
    Die Vernichtung von Kapital geschieht bisweilen buchstäblich – Maschinen verrosten, gelagerte Güter verrotten oder werden zerstört. Doch fallende Preise löschen auch große Teile des Werts der Produktionsmittel aus. „Zerstörung des Kapitals durch Krisen [bedeutet] Depreziation [Entwertung] von Wertmassen, die sie hindert, später wieder ihren Reproduktionsprozeß als Kapital auf derselben Stufenleiter zu erneuern.“
    (MEW 26.2, S. 496) Auf diese Weise, durch die ökonomische Krise, wird der Wert des konstanten Kapital in Übereinstimmung gebracht, nicht mit der Arbeitszeit, die ursprünglich für seine Produktion eingesetzt wurde, sondern mit dem, was es jetzt kosten würde, sie zu reproduzieren. So wird die organische Zusammensetzung des Kapitals verringert, und die Profitrate erholt sich wieder.
    Deshalb dienen Krisen dazu, das Kapital wiederherzustellen zu Bedingungen, unter denen es profitabel beschäftigt werden kann:

    „Die periodische Entwertung des vorhandnen Kapitals, die ein der kapitalistischen Produktionsweise immanentes Mittel ist, den Fall der Profitrate aufzuhalten und die Akkumulation von Kapitalwert durch Bildung von Neukapital zu beschleunigen, stört die gegebnen Verhältnisse, worin sich der Zirkulations- und Reproduktionsprozeß des Kapitals vollzieht, und ist daher begleitet von plötzlichen Stockungen und Krisen des Produktionsprozesses.“ (MEW 25, S. 259f.)

    Aber Krisen dienen auch noch auf andere Art dazu, die Tendenz zum Fall der Profitrate auszusetzen. Marx schreibt, „daß die Krisen jedesmal gerade vorbereitetwerden durch eine Periode, worin der Arbeitslohn allgemein steigt und die  Arbeiterklasse realiter größern Anteil an dem für Konsumtion bestimmten Teil des jährlichen Produkts erhält.“ (MEW 24, S. 409)
    Das spiegelt die Tatsache, daß auf der Höhe des wirtschaftlichen Booms viele Waren knapp werden, weil sie von so vielen Kapitalien nachgefragt werden, die darauf erpicht sind, einen größtmöglichen Marktanteil zu ergattern. Das gilt auch für die Arbeitskraft: wenn sich der Gang des wirtschaftlichen Wachstums beschleunigt, verringert sich die industrielle Reservearmee, und die Arbeiter, insbesondere die Facharbeiter, werden rar. Die verbesserte Verhandlungsposition der Arbeiter ermöglicht es ihnen, den Preis der Arbeitskraft in die Höhe zu treiben. Eine wirtschaftliche Rezession, die die Arbeitslosigkeit hochtreibt, macht es den Arbeitergebern leichter, die Löhne herunterzudrücken und diejenigen Arbeiter, die noch einen Job haben, zu nötigen, schlechtere Arbeitsbedingungen zu akzeptieren.
    Krisen sind daher Perioden, in denen das kapitalistische System reorganisiert und umgestaltet wird, um die Profitrate wieder auf einem Niveau herzustellen, auf dem wieder Investitionen stattfinden. Nicht alle Kapitalien haben den gleichen Nutzen von diesem Prozeß. Die schwächeren und weniger effizienten Firmen sowie diejenigen mit einer besonders großen Belastung durch veraltete Maschinerie werden aus dem Geschäft gedrängt. Die stärkeren und produktiveren Kapitalien überleben und kommen stärker aus der Rezession heraus. Sie können Land und Produktionswerkzeuge zu Tiefstpreisen kaufen und den Arbeitern Änderungen im Arbeitsprozeß aufzwingen, die die Mehrwertrate erhöhen.
    Krisen tragen deshalb zu dem Prozeß bei, den Marx die Zentralisation und Konzentration des Kapitals nannte. Konzentration findet statt, wenn Kapitalien in ihrer Größe durch die Akkumulation von Mehrwert anwachsen. Zentralisation hat, auf der anderen Seite, zur Folge, daß kleinere durch größere Kapitalien aufgesogen werden. Der Prozeß der Konkurrenz fördert diesen Trend, weil die produktiveren Firmen ihre Konkurrenten unterbieten und sie dann übernehmen können. Wirtschaftskrisen beschleunigen den Prozeß, indem sie es den überlebenden Kapitalien möglich machen, Produktionsmittel billig aufzukaufen. Eine beständiges Anwachsen der Größe der Einzelkapitalien ist deshalb ein unvermeidlicher Teil des Akkumulationsprozesses.
    “Der charakteristische Lebenslauf der modernen Industrie“ schreibt Marx, hat „die Form eines durch kleinere Schwankungen unterbrochenen … Zyklus von Perioden mittlerer Lebendigkeit, Produktion unter Hochdruck, Krise und Stagnation.“ (MEW 23, S. 661) Der Wechsel zwischen Auf- und Abschwung ist eine wesentliche Eigenschaft der kapitalistischen Wirtschaft. Oder wie Trotzki es sagte, „der Kapitalismus lebt durch Krisen und Aufschwünge, genauso wie ein Mensch durch Einatmen und Ausatmen lebt … Krisen und Aufschwünge sind dem Kapitalismus seit seiner Geburt eigen; sie werden ihn bis zu seinem Grab begleiten.“
    Die Analyse der Art und Weise, auf die die Krisen in die Akkumulation des Kapitals eingebaut sind, und die Marx im Kapital entwickelt, wird auf einem ziemlich hohen Abstraktionsniveau durchgeführt. Es muß herausgearbeitet werden, wie mit wachsender Reife des Kapitalismus und der damit verbundenen Zentralisation und Konzentration des Kapitals die Krisen immer weniger ihre bereinigende Wirkung zur Wiederherstellung
    profitabler Akkumulationsbedingungen spielen. Das werden wir im letzten Kapitel zeigen. Dennoch legt das Kapital die Grundlage für jeden Versuch, die kapitalistische Wirtschaft zu verstehen.

     

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