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  • Schwieriges Kapitel / Was macht die Prostitution?

    Von Arnold Schölzel Quelle: jungeWelt / Von Ronald Kohl Quelle: jungeWelt

    Ein Buch über den »Geschlossenen Jugendwerkhof« Torgau in der DDR

    Die sächsische Stadt Torgau hat seit 1990 ein Fünftel ihrer Einwohner verloren und noch mehr Arbeitsplätze. Ein Gewerbe allerdings blüht, das der »Gedenkstätten«. Torgau war Sitz zweier Militärgefängnisse der faschistischen Wehrmacht und seit 1943 auch des Reichskriegsgerichts. Auffällig oft werde aber, so Robert Allertz einleitend zu seinem nachdenklichen Buch »Der Jugendwerkhof in Torgau« an die sowjetischen Speziallager zwischen 1945 und 1948 erinnert wie auch an die Strafvollzugsanstalt des DDR-Innenministeriums. Schließlich gibt es eine Einrichtung, die auf den »Geschlossenen Jugendwerkhof« verweist. Die Immobilie stand mehrere Jahre leer, ein privater Bauherr begann, daraus eine Wohnanlage zu machen, 1998 wurde eine »Erinnerungs- und Begegnungsstätte« eingerichtet.

    Am 1. Mai 1964 wurde der »Geschlossene Jugendwerkhof« eröffnet. In ihm befanden sich nie mehr als 60 Insassen, der Aufenthalt betrug einige Wochen, maximal sechs Monate. Der Hintergrund: In der DDR existierten etwa 500 Einrichtungen der staatlichen Jugendhilfe, daneben konfessionelle. Nach 1961 stieg die Zahl straffällig gewordener Heiminsassen – das Schlupfloch Westberlin gab es nicht mehr. Das DDR-Volksbildungsministerium sträubte sich lange, diese Jugendlichen in einem »Geschlossenen Jugendwerkhof« unter eigener Regie unterzubringen, aber die politische Führung des Staates entschied anders: Das entlastet die Kriminalstatistik. Es mache, so Allertz, die Entscheidung nicht besser, daß es in anderen Ländern ähnlich zuging, zeige aber, »daß man seinerzeit in pädagogischer Hinsicht dort auch nicht viel weiter war«.

    Die Wahrnehmung der Einrichtung erfolgt in Torgau aber »ausschließlich über die Darstellung von Einzelschicksalen«. Allertz wirft den Ausstellungsmachern vor, das Gespräch über »ein gewiß schwieriges Kapitel« zu emotionalisieren. Er gibt die Personalien von fünf Jungen und Mädchen wieder – einschließlich ihrer Straftaten –, schildert den Alltag und stellt dem Berichte über bundesdeutsche Heime gegenüber. Politik, Medien und Justiz verfahren, wie er zeigt, anders: Heime in der DDR gelten als rechtsstaatswidrig, westdeutsche Quälereien nicht.

    Das Resümee des Autors: »Das Thema Jugendwerkhöfe ist nächst Mauer, Schießbefehl und Stasi jenes Feld, auf dem sich vermeintlich das Unrecht des Unrechtsstaates besonders überzeugend nachweisen läßt.« Er sieht darin einen Grund für den aktuellen Schub bei der Dämonisierung und Kriminalisierung der DDR. Das Gewerbe wird gebraucht und in Torgau noch lange blühen.

    Robert Allertz: Der Jugendwerkhof Torgau. Spotless in der edition ost, Berlin 2012, 93 Seiten, 0,00 Euro * kostenlos (als E-Book 3,99 Euro). Bezug: AC Distribution & Marketing GembH, Alexanderstr. 1, 10178 Berlin, Tel.: 01805/309999, Fax: 01805/353542 (0,14 Euro pro Minute), im Internet: www.buchredaktion.de

    Aus der jungenWelt vom 23.07.2012


    Was macht die Prostitution?

    Vor abfahrenden Müllautos wird gewarnt: Der japanische Film »Guilty of Romance«

    Von Ronald Kohl
     
    Kafkaesker geht es nicht. In der japanischen Produktion »Guilty of Romance« ist »Das Schloß« der Schlüssel zu zwei Morden, die sich dann als einer entpuppen. »Ich habe mir den Film nie so vorgestellt«, sagt Regisseur und Drehbuchautor Sion Sono. »Ich habe das Skript während des Drehs laufend geändert. Und immer, wenn ich eine Änderung gemacht habe, wurden die negativen Stimmungen nach und nach durch positive ersetzt.« Anscheinend, um danach wieder herausgeschnitten zu werden.

    Die literarisch gebildeten Protagonisten diskutieren Kafka und interessieren sich für »Love Hotels«, die gehobene japanische Form des Stundenhotels. Das ist ungefähr die Fallhöhe, die das Drehbuch vorgesehen hat.

    Die Frauenleiche, die weit nach Mitternacht bei strömendem Regen in einem Abbruchhaus gefunden wird, ist unvollständig. Der fehlende Kopf wurde durch den einer Schaufensterpuppe ersetzt. Die Kommissarin leuchtet den Raum mit der Taschenlampe ab. In pinkfarbener Schrift steht an der Wand: »Das Schloß«. Von ihrem Assistenten erfährt die Kommissarin, daß immer mehr Frauen plötzlich verschwinden. Die meisten von ihnen würden spontan aus ihren Eheverhältnissen ausbrechen. In einem Fall hätte die Gesuchte nur den Müll hinunterbringen wollen. Als sie unten ankam, fuhr das Müllauto gerade ab. Sie folgte ihm so lange, bis sie nicht mehr wußte, in welchem Teil der Stadt sie sich befand. Das erste Mal in ihrem Leben fühlte sie sich wirklich frei.

    Die DNA-Analyse ergibt, daß es sich bei der Toten um eine Literaturwissenschaftlerin handelt, die tagsüber an der Universität unterrichtete und in der Nacht als Prostituierte arbeitete. Die Kommissarin entdeckt im Haus der Mutter der Toten den fehlenden Kopf in einer Reisetasche. So hätte der Zuschauer die sehr vornehme Dame gar nicht eingeschätzt. In einer der zahllosen Rückblenden hatte sie ihre Tochter bei einer guten Tasse Tee in kleiner Runde völlig unverkrampft gefragt: »Und, was macht die Prostitution?« – »Danke, es läuft ganz gut.«

    In der letzten Szene widmet sich die Kommissarin der Hausarbeit, die liegengeblieben war, als sie mit der Lösung des Falls beschäftigt war. Als erstes schafft sie den Unrat vor die Tür. Zu spät. Sie sieht nur noch die Rücklichter des gerade um die Ecke biegenden Müllautos.

    »Guilty of Romance«, Regie: Shion Sono, Japan 2012, 112 min, bereits angelaufen

    Aus der jungenWelt vom 21.07.2012

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